The television as a gallery

Gerry Schum und Ursula Wevers mit Gilbert & George bei der Eröffnung der Ausstellung »The Paintings« von Gilbert & George im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 1971
This exhibition is available in
German
The Gerry Schum and Ursula Wevers archive
In April 1969, works of art from the international avant-garde appeared in an unexpected place: on the television screens of German living rooms. The filmmaker Gerry Schum and the art historian Ursula Wevers had transformed television into an exhibition space for art. With the Gerry Schum television gallery and the later videogalerie schum, they were among the first to attempt to establish television and video as artistic media.

The exhibition Der Fernseher als Galerie. The Gerry Schum and Ursula Wevers Archive tells the story of this now legendary project and is also linked to a significant acquisition: The ZKM is taking over the Gerry Schum and Ursula Wevers archive, thereby securing one of the most important archives of 20th century art for future generations. The acquisition was made possible by the support of the Kulturstiftung der Länder, the City of Karlsruhe and the State of Baden-Württemberg.
Gegen Ende der 1960er Jahre wurde das Kunstwerk als Objekt zunehmend in Frage gestellt. Doch Prozesse, Aktionen und ortsspezifische Werke widersetzten sich den gewohnten Formen des Sammelns und Ausstellens. Die Antwort von Gerry Schum und Ursula Wevers auf diese Situation war ebenso einfach wie radikal: Diese Kunst brauchte ein neues Medium.

Am 15. April 1969 ging die Fernsehgalerie Gerry Schum erstmals auf Sendung: Die ARD strahlte mit LAND ART die erste Fernsehausstellung aus. Am 30. November 1970 folgte mit IDENTIFICATIONS eine zweite Fernsehausstellung im Südwestfunk. Alle Filme waren für das Fernsehen konzipiert worden und existierten praktisch nur im Augenblick der Sendung. Die Produktionen, die heute zum internationalen Kanon der Videokunst, Land Art und Konzeptkunst zählen, entstanden in Zusammenarbeit mit 30 Künstlern, darunter Joseph Beuys, Daniel Buren, Jan Dibbets, Richard Long, Mario Merz, Richard Serra und Lawrence Weiner. Hinzu kamen die Fernsehinterventionen von Keith Arnatt und Jan Dibbets, die unangekündigt in das laufende Programm eingriffen.

„Eine unserer Ideen ist die Kommunikation von Kunst anstelle des Besitzes von Kunstobjekten“, erklärte Gerry Schum. Tatsächlich zielte das Projekt nicht nur auf ein neues Medium, sondern auf eine andere Öffentlichkeit für Kunst und eine neue Ökonomie. Die Fernsehgalerie war ein Gegenentwurf zur Exklusivität von Museum, Galerie und Kunstmarkt.

Die strukturellen Grenzen dieser Kritik an der Kunst als Ware zeigten sich jedoch bald. Als die Fernsehsender sich weigerten, die Zusammenarbeit fortzusetzen, musste sich das Projekt an genau jene Strukturen des Kunstmarktes anpassen, denen es ursprünglich entkommen wollte. 1971 gründeten Schum und Wevers in Düsseldorf die videogalerie schum und schufen damit ein neues, wegweisendes Modell – die erste Galerie in Europa, die sich ausschließlich der Produktion und dem Vertrieb von Videoeditionen widmete.

Die Ausstellung erzählt anhand des umfangreichen Archivs eine Geschichte von Utopien, von Gelingen und Scheitern – von Gerry Schums ersten Filmen ab 1967 bis zu seinem Suizid im Jahr 1973. Dabei löst sie diese Geschichte aus der Verkürzung auf einen einzelnen Protagonisten. Von Anfang an war das Projekt von Zusammenarbeit geprägt: im Vorfeld mit Bernhard Höke und Hannah Weitemeier, dann vor allem mit Ursula Wevers, die seit Oktober 1968 die Realisierung der Fernsehgalerie Gerry Schum und der späteren videogalerie schum maßgeblich mitgestaltete.

Grundlage der Ausstellung ist das Archiv, das von Ursula Wevers über 50 Jahre bewahrt wurde. Zu sehen sind nicht nur die bekannten Film- und Videoarbeiten, sondern auch originale 16-mm-Filme und Videobänder, historische Videotechnik sowie Korrespondenzen, Produktionsunterlagen, Fotografien, Drucksachen und Zertifikate. Diese Materialien geben Einblick in die konzeptuelle Arbeit hinter den Projekten, in institutionelle Konflikte und in die praktischen Bedingungen der Produktion.

Die Fernsehgalerie und die videogalerie schum sind nicht nur als wegweisende Kunstprojekte von Bedeutung. Sie zeigen auch mit besonderer Klarheit eine Dynamik, die auch unsere Gegenwart prägt: Neue Medien verändern nicht nur die Gestalt der Kunst, sondern auch ihre Bedingungen – ihre Produktion, ihre Verbreitung und ihre Eigentumsverhältnisse.

Künstler:innen / Mitwirkende

Giovanni Anselmo, John Baldessari, Joseph Beuys, Alighiero Boetti, Marinus Boezem, Stanley Brouwn, Daniel Buren, Pier Paolo Calzolari, Gino De Dominicis, Walter de Maria, Jan Dibbets, Barry Flanagan, Hamish Fulton, Gilbert & George, Michael Heizer, Bernhard Höke, Gary Kuehn, Richard Long, Mario Merz, Dennis Oppenheim, Klaus Rinke, Ulrich Rückriem, Reiner Ruthenbeck, Gerry Schum, Richard Serra, Robert Smithson, Keith Sonnier, Ger van Elk, Franz Erhard Walther, Lawrence Weiner, Hannah Weitemeier, Ursula Wevers, Gilberto Zorio.
Adresse
Lorenzstraße 19
76135
Karlsruhe
+49 721 81 000
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