Abi Shek

Abi Shek

07.05.2017 - 23.07.2017

Einmal im Jahr muss Abi Shek heimfliegen. Heim von Stuttgart nach Israel zu seinen Eltern, in sein Land, in das zu gelangen seiner Familie einst unmenschlicher Zoll abverlangt wurde. Als Künstler verdankt Abi Shek Israel wohl mehr als Deutschland. 1965 in Rehovot als Sohn eines Künstlerpaares geboren und in einem Kibbuz aufgewachsen, prägte neben seinen Eltern auch der expressionistische, aus Berlin nach Palästina emigrierte Künstler Rudi Lehmann seinen kindlichen Blick auf die Welt. Neben dessen Holzschnitten und Tierskulpturen faszinierten Abi aus Abfällen und Blech phantasievoll gebasteltes Spielzeug von Nachbarkindern. Mit der Holzschneiderei hatte er längst begonnen, als ihn 1990 der israelische Künstler Micha Ullman an der Stuttgarter Akademie aufnahm und förderte. Während sein Professor, zu dessen Meisterschülern Abi Shek zählte, heute wieder in Israel, in Ramat Hasharon, lebt, blieb Abi der Liebe wegen in Deutschland. So fliegt er denn einmal im Jahr mit Frau und den zwei Kindern heim. Sonst würde er krank, sagt er.
Betrachtet man die großformatigen Zeichnungen und Holzschnitte Abi Sheks und hat zugleich Arbeiten Ullmans, etwa das ergreifende Berliner Denkmal zur Bücherverbrennung oder seine Arbeiten mit der Materie Erde vor dem inneren Auge, erkennt man augenblicklich eine geistige Verwandtschaft. Beide, Ullman und Shek, treiben ihre Arbeiten auf den formalen Punkt zu, wo Schlichtheit bzw. Klarheit mit ästhetischer Erfüllung gleich wird. Man könnte auch Schönheit sagen, wenn das Wort nicht schrecklich verhurt worden wäre.
Abi Sheks Schönheitsvorstellungen sind jedenfalls an Dingen geschult, die entstanden, als es das Wort Schönheit noch gar nicht gab oder einige Schriftgelehrte Buchstaben zeichengleich zu Begriffen zusammensetzten. Daheim in Israel, ziehen sein Vater und er regelmäßig durchs Land, um archäologische Zeugnisse zu finden – sie reichen zurück bis in die früheste Steinzeit. Doch mit landläufiger Heimatkunde haben diese Besuche alter Siedlungsplätze und Höhlen nichts zu tun. Denn zu finden sind dort nicht nur Faustkeile, Äxte oder kultische Gegenstände historischer Gesellschaften, sondern Zurückgelassenes aus steinalten Konflikten, von Lebensproblemen, von Geist, Macht und Fortschritt – von Sozietäten und ihren archaischen Fragen, die Abi Shek und uns bis heute beschäftigen: Sie haben ihre Relevanz erhalten.

Exakt dieses Archaische zu treffen und die Zeit gerinnen zu lassen, ist das Ziel von Abis Kunst. Bemerkenswert sind die Annäherungen von Holzschnitten und Plastiken in der letzten Zeit: Dass Abi der Dreidimensionalität misstraut, wird immer stärker sichtbar. Beim Drucken verwendet er am liebsten Leinwand: dessen Struktur schafft Tiefe, Papier ist ihm oft zu „kultiviert“. Auch die Holzschnitte verweisen in die archaisch unverfälschte kulturelle Vorzeit: Es geht Abi Shek auf den Leinwänden wie auf den Papierarbeiten zum einen darum, eng begrenzte Bewusstseinsräume durch Motive zu erweitern, die möglicherweise in uns verborgen sind. Zum anderen scheinen sie uns in ihrer Größe und klaren Präsenz unmittelbar anzugehen. Manche Fabelwesen scheinen darunter zu sein, Fabelwesen, wie sie seit 600 Jahren vor der Zeitrechnung der griechische Dichter Äsop ersann, um den Menschen listenreich einen Spiegel ihrer Kultur vorzuhalten. Abi ist auch so ein Listreicher. Seine großartige Arbeiten tragen keine Titel: Die Heimatkunde, um die er weiß, muss jeder in sich selber suchen.

BURKHARD BALTZER

Abi Shek

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