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Beschlagnahmt! Rückkehr der Meisterblätter

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Als die Nationalsozialisten 1937 in über einhundert deutschen Museen Kunstwerke der modernen Avantgarde als „Entartete Kunst“ beschlagnahmten, war der Bestand der Kunsthalle Mannheim eine der am stärksten von den Konfiszierungen betroffenen öffentlichen Sammlungen. Ein Großteil der knapp 600 damals aus Mannheim abgezogenen Werke waren dabei graphische Arbeiten. Als Ergänzung der Ausstellung „(Wieder-) Entdecken – Die Kunsthalle 1933 bis 1945 und die Folgen“ widmet sich nun auch die Graphische Sammlung dem Thema und präsentiert Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphiken, die 1937 in der Kunsthalle beschlagnahmt worden waren.
Als Gäste auf Zeit kehren insgesamt 34 Meisterwerke nach Mannheim zurück, die sich heute in der Wiener Albertina, dem Kulturhistorischen Museum Rostock, dem Kölner Museum Ludwig, dem Kunstmuseum Basel und dem Sprengel Museum Hannover befinden. Mit dem Farbholzschnitt „Frau in der Nacht“ von Ernst Ludwig Kirchner wird zudem ein Blatt aus dem sogenannten Kunstfund Schwabing zu sehen sein. Nach dem Tod Cornelius Gurlitts im Mai 2014 erbte das Kunstmuseum Bern den 1919 entstandenen Farbholzschnitt.
Dass die Sammlungen der Kunsthalle Mannheim so überdurchschnittlich von den Enteignungsaktionen unter den Nationalsozialisten betroffen waren, lag paradoxerweise an der innovativen Ausstellungs- und Ankaufspolitik ihrer ersten beiden Direktoren Fritz Wichert und Gustav Hartlaub. Wichert war als Gründungsdirektor der Kunsthalle eingestellt worden, die damals noch keine große Sammlung besaß. Mit großer Weitsicht erwarb er französische Kunst des 19. Jahrhunderts und zeitgenössische Künstler. Mit höchsten Qualitätsansprüchen und Kennerblick kaufte er junge, avantgardistische Expressionisten. Sein Nachfolger Gustav Hartlaub setzte diese Ankaufsstrategie fort und erweiterte sie auf die aktuelle Kunst der Neuen Sachlichkeit. Diese beiden Strömungen waren von den Beschlagnahmungen der Nationalsozialisten am stärksten betroffen.
Insgesamt wurden 471 Graphiken in der Kunsthalle beschlagnahmt, darunter 177 Originalwerke (Aquarelle, Zeichnungen) und 289 Druckgraphiken sowie fünf nicht eindeutig einzuordnende Werke. Über ihr Schicksal nach der Enteignung konnte die Provenienzforschung des Hauses einige wesentliche Informationen recherchieren. So befinden sich nach aktuellem Wissensstand 53 Meisterwerke in renommierten Museen auf der ganzen Welt, darunter neben den bereits genannten u.a. das New Yorker Metropolitan Museum, die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München und die Galleria Nazionale d’Arte Moderna e Contemporanea in Rom.
Mit insgesamt 25 Blättern besitzt das Kulturhistorische Museum in Rostock den größten Bestand an ehemaligen Mannheimer Graphiken. Sie alle stammen aus dem Nachlass des Kunsthändlers Bernhard A. Böhmer, einem der deutschen Kunsthändler, die ab Ende der 1930er Jahre Zugriff auf die beschlagnahmten Werke aus deutschen Museen hatten. Während einige Blätter sich heute in Privatbesitz nachweisen lassen, ist von insgesamt 156 Arbeiten anzunehmen, dass sie von den Nationalsozialisten nach ihrer Beschlagnahmung zerstört wurden. Bei 234 Werken ist der aktuelle Verbleib unbekannt. Nur 19 befinden sich heute wieder im Bestand der Kunsthalle.
Bekannt ist darüber hinaus, dass vor allem die Druckgraphiken über Hildebrand Gurlitt und Bernhard A. Böhmer gehandelt wurden. So gingen nachweislich weit über 100 Graphiken durch die Hände der beiden Kunsthändler. Zum Bestand Gurlitt gehören auch jene fünf ehemaligen Mannheimer Graphiken, die sich seit 2014 im Kunstmuseum Bern befinden und aus dem Schwabinger Kunstfund stammen.
Die 34 Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphiken, die jetzt temporär in die Kunsthalle zurückkehren, besitzen nicht nur eine bewegte Vergangenheit. An ihnen zeigt sich auch exemplarisch, mit welchem Qualitätsanspruch Fritz Wichert und Gustav Friedrich Hartlaub die Mannheimer Moderne-Sammlung einst zusammentrugen. Oftmals direkt vom jeweiligen Künstler erworben, kamen Graphiken in den Bestand, die heute Spitzenwerke in internationalen Museen darstellen.
Die Kunsthalle Mannheim präsentiert diese Meisterwerke vom 22. März bis 23. Juni 2019 unter dem Titel „Beschlagnahmt! Rückkehr der Meisterblätter“ in der Graphischen Sammlung.
Alexej von Jawlensky, Variation: Strenger Winter, 1916 Öl auf Karton, 36 x 27 cm Kunstmuseum Basel Foto: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler
Carl Grossberg: Eckhaus, 1927 Lithographie, 41 x 34 cm Kulturhistorisches Museum Rostock Foto: Kulturhistorisches Museum Rostock, Brigitte Reichel
László Moholy-Nagy, Komposition, 1923 Farblithographie, 36,5 x 24 cm Kulturhistorisches Museum Rostock Foto: Museum Rostock, Brigitte Reichel
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